Die Welt, in der wir leben

Die Welt, in der wir leben, beruht auf einem gewaltigen Widerspruch: Diejenigen, die mit ihrer Arbeit den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, sind im Kapitalismus gerade von diesem Reichtum und von der Verfügungsgewalt über ihn ausgeschlossen. Weder die Produktionsmittel noch die hergestellten Waren gehören ihnen. Die übergroße Mehrheit der Menschen ist folglich gezwungen, zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen. Als Bezahlung für diese Arbeit erhalten viele Menschen gerade so wenig, wie sie zum Überleben brauchen, bzw. was sie kollektiv erkämpfen können. Sie können darüber hinaus häufig nicht frei entscheiden, was sie gerne arbeiten würden und wie diese Arbeit organisiert sein soll. Dies verhindert die freie Entfaltung ihrer Möglichkeiten.

Herrschaft und Ausgrenzung

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist geprägt von vielfältigen Herrschaftsstrukturen, die das kapitalistische System produziert und begünstigt. Erscheinungsformen dafür sind unter anderem der alltägliche Rassismus, die Fremdbestimmung von Kindern und Jugendlichen bei den sie betreffenden Entscheidungen sowie das Patriarchat. Im Patriarchat sind Mädchen und Frauen strukturell benachteiligt, ihr Anteil an dem weltweiten gesellschaftlichen Reichtum liegt immer noch weit unter ihrem Bevölkerungsanteil. Sie sind eher von Armut betroffen und von Führungspositionen ausgeschlossen. Die kapitalistische Logik beurteilt den Menschen auf Basis seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Diskriminierung gehört dabei zum Alltag des Systems. Menschen werden unter anderem wegen ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Sexualität, ihres Alters, ihrer Religion oder ihres Aussehens ausgegrenzt und unterdrückt. Dies hindert viele Menschen daran, die grundlegenden Ursachen gesellschaftlicher Probleme im Kapitalismus und den Herrschaftsstrukturen selbst zu suchen. Darüber hinaus erleichtert es die Ausbeutung der Betroffenen in allen Lebensbereichen und erschwert die Solidarität untereinander sowie den gemeinsamen Kampf für Veränderung – sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch zwischen Ländern und Regionen weltweit.

Krise und Expansion

Im Kapitalismus wird in starker Konkurrenz das produziert, von dem Gewinn erwartet wird, und nicht das, was von den Menschen benötigt wird. Die kapitalistische Produktionsweise verschuldet einerseits regelmäßige Krisen durch Übersättigung und das Zusammenbrechen von Märkten in reichen Ländern, die die Produkte nicht mehr kaufen wollen. Andererseits verursacht sie einen chronischen Mangel an Essen und Kleidung sowie humanitäre Katastrophen und den Tod von Menschen in armen Ländern, die die Produkte nicht bezahlen können. Auf der Suche nach neuen Profit versprechenden Märkten dehnt sich der Kapitalismus immer weiter aus und durchdringt alle Lebensbereiche. Im sich verschärfenden Konkurrenzkampf werden wirtschaftliche Ziele auch mit aggressiven politischen und militärischen Mitteln durchgesetzt und natürliche Ressourcen zerstört. Dies hat in der Vergangenheit zu Krieg geführt und kann es auch in der Zukunft wieder.

Bildung und gesellschaftliche Stellung

Auch im Bildungssystem zeigen sich Verwertungslogik und Herrschaftsstrukturen deutlich. Die materiellen Voraussetzungen bestimmen nicht nur die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse sondern auch den Zugang zu Bildung. Der bürgerliche Bildungsbetrieb orientiert sich nicht an den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Lernenden, im Gegenteil: Das Bildungssystem zielt in erster Linie auf die Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt, setzt die Lernenden unter permanenten Leistungsdruck und fördert Obrigkeitshörigkeit sowie die Verinnerlichung von Konkurrenzdenken.

Teilhabe und Konsum

Eine umfassende Veränderung der Gesellschaft durch eine breite Beteiligung der Menschen ist im Kapitalismus weder möglich noch gewünscht. Die Versprechen einer aktiven und umfassenden demokratischen Mitgestaltung werden ersetzt durch die Rolle der Bürgerinnen und Bürger als Konsumentinnen und Konsumenten von Entscheidungen, die andere für sie getroffen haben, und von Produkten, die der Befriedigung künstlich erzeugter Bedürfnisse dienen. „Politikverdrossenheit“ und der Rückzug ins Private sind die Folgen mangelnder Mitbestimmungsmöglichkeiten.

Analyse und Veränderung

Kapitalistische Ausbeutung ist nicht das private Problem einzelner, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Im Bewusstsein vieler wird der Kapitalismus als unumstößlich und als unveränderlicher Sachzwang hingenommen. Dass der Kapitalismus aber weder die beste Gesellschaftsform noch das Ende der Geschichte ist, zeigt sich in seiner Analyse. Die massiven ökonomischen, ökologischen und sozialen Konflikte unserer Zeit sind dabei keine zu behebenden Schönheitsfehler des kapitalistischen Systems, sie sind seine logische Konsequenz. Die Aufhebung der Ausbeutung und die Veränderung der bestehenden Verhältnisse sind möglich, können aber nur als gesellschaftlicher Prozess vollzogen werden, der solidarisch und international zugleich ist.

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